Unsere Lehrer

 

Verblasst, aber nicht vergessen. Erinnerungen an unsere Lehrer.

Paul Gohlke (Mathematik, Griechisch, Religion)

Wenn ich hier etwas über unsere Lehrer schreibe, so ist mir klar, dass ich  keinem von ihnen gerecht werde. Ich kann sie nur so zu schildern versuchen, wie ich sie im Schulbereich erlebt habe. Über ihr sonstiges Leben weiß ich so gut wie nichts. Das interessierte mich damals auch nicht. Kaum einen von ihnen habe ich wirklich persönlich, außerhalb des Schulbereichs, kennen gelernt, nur ein einziges Mal gab es einen Lehrerbesuch bei meinen Eltern.

Ich hatte stets ein distanziertes Verhältnis zu den Lehrern, und sie entsprechend auch zu mir. Paul Gohlke beschreibt mich in seiner Beurteilung  als schwer durchschaubar, linkisch und eigenbrötlerisch.

Er hatte damit nicht ganz Unrecht. Denn ich hielt mich bedeckt. Allerdings sind seine Vermutungen über die Gründe meines Erscheinungsbildes abwegig: ich sei ja ein Fahrschüler, würde schielen und hätte kaum Freunde. Nein, das Fahrschülerdasein war eher eine zweite Schule, in der man sich im realen Leben miteinander, speziell mit Erwachsenen, auseinandersetzen musste. Auch an Freunden hat es mir nicht gemangelt. Und gegen das Schielen hatte ich immerhin eine Brille. Hier war Onkel Paul  eigentümlich blind. Immerhin hat er nach einem persönlichen Gespräch auf einem Klassentreffen in den sechziger Jahren zugegeben, mich verkannt zu haben, doch da war natürlich schon alles vorbei. Während der Schulzeit herrschte gegenseitiges Misstrauen. In Mathematik war ich schlecht, ich hatte mich darauf festlegen lassen, mathematisch unbegabt und sprachlich begabt zu sein. Hart angepackt hat er mich allerdings nie, stattdessen ließ er mir gegenüber manchmal einen milden Sarkasmus spüren.

Das hätte anders sein können, vielleicht mal eine Anregung oder ein persönliches Gespräch. Aber wie gesagt, ich mauerte.

Auf Onkel Pauls wissenschaftliche Verdienste möchte ich hier nicht näher eingehen. Man munkelte davon. Sein Name war im Lexikon unter Aristoteles erwähnt. Er war, wie ich jetzt weiß, zweifellos ein universaler Geist, ein herausragender Aristoteleskenner und –übersetzer. In der Philosophiegeschichte von Karl Vorländer (1963) findet er fünfmal Erwähnung, allerdings heißt es an einer Stelle: „Die einzige greifbare Gesamtübersetzung (nämlich die von Gohlke, G.B.) … ist nur mit Vorsicht zu benützen.“

Wie ihn die Aristotelesforschung heute sieht, ist mir nicht bekannt.

Auf unseren Wanderungen zeigte er sich großzügig, humorvoll und kollegial. Ich denke nicht ungern an ihn zurück. Unvergessen sind seine launigen Bonmots.

Gerd Bussing, 4.5.2011

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